Gottlos: Für die Tiere sind die Winterfeiertage Horror pur

Folgenden Artikel fand ich in der letzten Ausgabe von “Tierfreund”, der Zeitschrift des Wiener Tierschutzvereines:

Gottlos

Die Winter-Feiertage rund um Weihnachten und den Jahreswechsel nahen wieder einmal. Die Geschäftsstraßen sind geschmückt, die Freizeit- und Tourismuswirtschaft hofft auf eine gute Saison, die Kinder schreiben Wunschzettel und freuen sich auf Geschenke. Und die Tiere?

Für die sind die Winterfeiertage Horror pur. Millionen Nutztiere müssen für Festtags-Menüs ihr Leben lassen, werden auf diesen Zeitraum hin gemästet, vielfach von sehr weit her zu den Schlachthöfen gekarrt, quasi am Fließband getötet, zerteilt und im Übermaß im Handel angeboten; was mit noch so intensiver – teils auch irreführender – Werbung nicht einmal zu Schleuderpreisen verkaufbar ist, wandert nach den großen Festen in die Mülltonnen.

Für die Wildtiere bedeutet der Winter Kälte, oftmals Mangel und Stress durch dubiose und heimtückische Jagdmethoden; so schickt sich das Land Niederösterreich an, das so genannte “Kirren” – seit 1981 verboten – wieder gesetzlich zuzulassen: Kirren bedeutet, dass das hungrige Wild im Winter mit Futter angelockt und dann beim Äsen erschossen wird.

Diese heimtückische Jagdmethode erspart Hobby-JägerInnen Zeit und Mühe; das Wild wird extrem gestresst und den Beständen droht eine genetische Verarmung, weil meistens besonders prächtige Tiere der Trophäen-Jagd zum Opfer fallen und so die jüngeren männlichen Tiere nicht mehr das Revier wechseln.

Auch viele Haustiere haben keine Festzeit. Die Salztstreuung auf Straßen und Gehsteigen setzt den Tiieren mehr zu als Wind und Kälte. Und leider hat sich immer noch nicht allerorts herumgespochen, dass Tiere Lebewesen und keine Geschenkartikel sind. Tausende putzige Jungtiere werden im Internet bestellt und massenweise aus regelrechten Zuchtfabriken nach Österreich gebracht. Wenn sie krank sind, wenn hohe Tierarztkosten anfallen, dann landen diese armen, lebendigen Handelswaren nicht selten bei uns im Wiener Tierschutzhaus.

Für die Pelztiere, die außerhalb Österreichs immer noch in vielen Ländern ein elendes, entwürdigtes Dasein fristen, bedeuten die Feiertage die Besiegelung ihres entsetzlichen Schicksals, den Tod durch Stromschlag oder Vergasung und die Verarbeitung zu Luxusgeschenken für ein “Frohes Fest”.

Nicht selten höre ich dann Debatten, was denn schlimmer sei – die Langstreckentransporte, die qualvolle Haltung von Nutztieren auf Vollspaltenböden, angebunden, in “eiserne Jugfrauen” gepfercht, oder das rüde Schlachten, bisweilen ohne jede Betäubung, die riesigen Welpen-Zuchtanstalten im Ausland, in denen Muttertiere nur als Gebärmaschinen gelten, oder die hermetisch abgeschirmten Peltzierfarmen, in denen Wildtiere bis zu ihrer Tötung dahinvegetieren.

An solchen Debatten beteilige ich mich nicht. ALLE die geschilderten Praktiken (und viele andere mehr) sind unerträglich, widersprechen jeglichen ethischen und moralischen Werthaltungen und zwar bei allen Menschen guten Willens.

Und derartige industriell organisierte Quälereien sind nicht nur grausam und widerlich, sonder auch schädlich für uns Menschen.

Andauernde Quälereien und widernatürliche Behandlungen, die rücksichtslose Ausbeutung der Schöpfung, all das rächt sich; schreckliche alte und neue Krankheiten und Seuchen, wie BSE, gewaltige Umwelt- und Klimavergiftungen durch exzessive Massentierhaltung und bitterste – ja tödliche – Verarmung der ausgebeuteten Gebiete des Südens, die Viehfutter in die reichen Teile der Welt liefern, während dort die Kinder verhungern – das sind die bösen Folgen des industriellen Umgangs mit fühlenden Wesen.

Ich habe mir einmal wesentliche Aussagen der großen monotheistischen Religionen zum Umgang mit Tieren, mit der Natur von ExpertInnen erläutern lassen und zu meiner großen Freude festgestellt: Keine Religion gebietet explizit Grausamkeiten, alle Religionen ermahnen die Gläubigen zu behutsamem und rücksichtsvollem Verhalten.

Man kann daher wirklich sagen: die industrialisierte Tierquälerei ist nicht nur herzlos und hirnlos, sondern auch gottlos.

Dr. Madeleine Petrovic

Präsidentin des Wiener Tierschutzvereines

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